Zähmung der „wilden“ Pferde

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

– ein Mythos mit traurigen Folgen

Die Zähmung von Pferden ist leider nicht nur eine Szene aus altmodischen Cowboy-Filmen. Im Gegenteil! Die Inszenierung von Pferden als gefährliche Tiere prägt leider bis heute den Umgang und das Training von Pferden. Pferde trotz Gegenwehr gefügig zu machen und kontrollieren zu können, wirkt extrem verkaufsfördernd. Und das sogar auf Menschen, die ganz normale Pferde haben. Wer den Steiger in den Griff bekommt, wird gefeiert. Doch wer sieht die Not des Steigers?

Es lohnt sich sehr, hier mal genauer hinzuschauen und vor allem auch die eigenen Vorstellungen zu überprüfen. Denn wir haben es hier mit einem Mythos zu tun, der auf einem vollkommen falschen Bild von Pferden beruht und viel Not für sie bedeutet. Ein neues Normal braucht ein realistisches Bild von Pferden.

Zähmung – der Sieg des Menschen über das Tier

Überall in den Kanälen der sozialen Medien zeigt sich dasselbe Bild. Aufnahmen von steigenden, bockenden oder beißenden Pferden und Präsentationen, wie diese „Probleme“ (das Verhalten der Pferde) gefixt werden. Massenspektakel, in denen eingefangene Mustangs medienpräsent ein „Makeover“ bekommen, werden begeistert gefeiert. Geschichten, die von der Isolation und Verfolgung eines wild lebenden Pferdes erzählen, sorgen für feuchte Augen. Sie präsentieren Zähmung dramatisch als einen Weg zu angeblich echtem „Vertrauen“.

Wäre es nur Fiktion, wäre alles vollkommen okay. Dann könnten wir die „tollen Kerle“ und „mutigen Mädchen“ anhimmeln und würden gut unterhalten werden. Das Schlimme aber ist, dass sie nach wie vor nicht nur Vorbilder für das reale Miteinander mit Pferden sind, sondern dass ganze Ausbildungssysteme darauf aufbauen. Und leider werben inzwischen selbst jene mit solchen Szenen, die eigentlich pferdefreundliche Wege zeigen wollen, denn sie sichern Aufmerksamkeit.

Was die falschen Bilder über Pferde anrichten

Das Bild, das wir von Pferden haben, prägt unsere Entscheidungen. Und das vor allem unbewusst. Wenn das Bild falsch ist, kann das, was wir mit ihm tun, ihnen nie wirklich entsprechen und gerecht werden, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen.

Nicht erst die aktuellen Skandale, die immer mal wieder hochkochen, zeigen eine Wahrheit, mit der wir uns alle befassen müssen. Training und Umgang haben in der Praxis sehr viel mit Unterdrückung und Gewalt zu tun. Scheinbar unausrottbar wird die längst widerlegte Dominanztheorie wie eine Fahne hochgehalten, nach der wir als Menschen Pferde zu kontrollieren haben. Sonst wird es angeblich „gefährlich“.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall! Es wird gefährlich, weil wir Menschen uns herausnehmen, Pferden unseren Willen aufzwingen. Tieren, die uns an Masse und vor allem Kraft endlos überlegen sind. Weil wir nicht auf Kooperation setzen, sondern auf Macht. Und weil wir uns nicht die Mühe machen, überhaupt erst einmal herauszufinden, wie Pferde wirklich sind.

Wissenschaft gegen Cowboy-Romantik

Wer sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über Pferde befasst, erkennt schnell, dass das Bild von Pferden in der kommerziellen Welt nichts mit der Realität zu tun hat. Statt mit aggressiven Bestien, die nur darauf warten, uns zu dominieren, haben wir es mit Wesen zu tun, die in hochkomplexen Sozialsystemen leben. Sie sind Meister darin, gut mit anderen auszukommen und in harmonischen Beziehungen zu leben, ist für sie ein Grundbedürfnis.

Alle, die sich Veränderungen zum Guten in der Pferdewelt wünschen, müssen bereit sein, sich mit den Erkenntnissen der Verhaltensforschung zu befassen und damit, wie Pferde wirklich sind. Denn in der Wirklichkeit werden echte Pferde missverstanden und deshalb mit tierquälerischem Zubehör, Schlägen oder Machtmissbrauch gefügig gemacht – und das, obwohl nichts davon nötig ist!

Wir verursachen die Probleme, die wir fixen wollen

In all den Videos, in denen sich Menschen präsentieren, wie sie „widersetzliche“ Pferde auf mehr oder weniger nette Art „korrigieren“, wird vergessen, eines zu erwähnen: Ein solches Abwehrverhalten bei Pferden ist nie der Anfang, sondern immer eine Reaktion auf das, was Menschen mit den Pferden machen. Zeigen Pferde im Training ein solches Verhalten, läuft etwas im Training schief!

Anstatt also solche „Beispiele einer „Zähmung“ zu feiern, sollten wir herausfinden, was beziehungsweise wer die Not des jeweiligen Pferdes verursacht – und da hilft häufig auch mal ein Blick in den Spiegel. Genau dort finden sich dann (Er-)Lösungen, die weder eine harte Hand noch andere Arten von Gewalt brauchen. Der erste Schritt dafür ist die Einsicht, wie falsch wir oft liegen, weil wir ein falsches Bild von Pferden im Kopf haben.

Für mich gilt:
Wenn wir verstehen, dass eine gute Beziehung die Grundlage für ein gutes Miteinander ist, ist der erste Schritt in ein neues Normal getan.

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Zähmung der Pferde – ein Mythos

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