Enrichment für Pferde

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

– Was steckt dahinter?

Normalerweise vermeide ich Trendbegriffe aus dem Englischen, aber da hinter der Enrichment-Idee etwas wirklich Gutes steckt, greife auch ich den Begriff auf. Worum es beim Enrichment für Pferde geht? Darum, wie wir das Leben unserer Pferde lebendiger und reicher gestalten können. Warum das oft dringend nötig ist und wie vielseitig es aussehen kann, erfährst Du in diesem Blogbeitrag.

Was „Enrichment“ bedeutet

„To enrich“ bedeutet übersetzt „anreichern“ oder „bereichern“. Es geht hier also um die Frage, wie wir das Leben unserer Pferde bereichern können. Nun mag sich manch einer fragen, wozu das gut sein soll, schließlich sorgt man doch gut für sein Pferd und „bespaßt“ wird es auch.

Um zu verstehen, warum Enrichment für Pferde nicht nur sinnvoll, sondern sogar nötig ist, müssen wir uns klar machen, dass Pferde natürlicherweise für ein ganz anderes Leben gemacht sind, als sie es bei uns führen. In freier Wildbahn ziehen Pferde in Gruppen durch die Gegend. Auf der Suche nach Futter und Wasser durchstreifen sie mehr als 16 Stunden täglich zum Teil sehr unterschiedliche Landschaften. Sie sind ständig auf unterschiedlichen Böden in Bewegung, was ihren Bewegungsapparat und Gleichgewichtssinn hervorragend trainiert. Darüber hinaus leben sie in einem hochkomplexen, sozialen System, das meist nicht nur die eigene Herde einschließt, sondern auch andere Gruppen. Wie man heute weiß, organisieren Pferde ihr Miteinander anhand unterschiedlicher Aufgaben, so dass Pferde auch so etwas wie einen Job haben. Und durch das Leben draußen erfahren Pferde alle möglichen Naturreize, treffen unzählige Entscheidungen am Tag und werden immer wieder aufs Neue auf verschiedene Weise gefordert und herausgefordert.

Im Gegensatz dazu haben Pferde in Menschenobhut manchmal kaum die Möglichkeit, sich überhaupt frei zu bewegen, geschweige denn freie Entscheidungen zu treffen. Viele von ihnen stehen noch immer den größten Teil des Tages auf engstem Raum in Boxen mit stundenweisen Auslauf auf kleinen Paddocks ohne Bewegungsanreize. Die Gruppen sind nicht immer passend und so ziemlich alle Entscheidungen trifft der Mensch…

Enrichment für Pferde in der Haltung

Natürlich kann kaum jemand von uns seinen Pferden ein Leben wie in echter Freiheit bieten. Aber es gibt vieles, wodurch wir das Leben unserer Pferde bunter, abwechslungsreicher gestalten können. Einige Ideen hierzu sind:

  • Eigentlich sollte es keine „Bereicherung“, sondern selbstverständlich sein: Pferde brauchen Pferde! Und zwar nicht nur stundenweise, sondern als solide Basis. Unsere Aufgabe hier ist, eine Zusammenstellung zu finden, die für unser Pferd passt.
  • Paddock-Trails statt einfacher Paddocks! Die Idee ist, Pferde nicht einfach auf Rechtecke abzustellen, sondern es werden durch verschiedene Gänge Bewegungsanreize geschaffen. Die einfachste Variante besteht darin, einen breiten Weg rund um den Paddock zu schaffen, so dass die Pferde quasi „endlos“ wandern oder auch mal richtig durchstarten können. Aber hier kann man natürlich noch viel kreativer werden.
  • Gezielt Bewegungsanreize schaffen: an unterschiedlichen Stellen füttern, Extra-Wege zu den Tränken und Ruhezonen einrichten, Salzlecksteine in der entgegengesetzten Ecke von der Tränke anbieten und Ähnliches mehr.
  • Toll sind unterschiedliche Böden, durch die die Bewegungsrezeptoren immer wieder neu aktiviert werden. Es sollte also nicht nur plane Strecken geben, sondern zum Beispiel Hügel und Kuhlen, Äste oder Baumstämme über den Wegen, Flächen mit groben Kieseln, Schwemmen und so weiter. Und wer sogar kleine Waldstücke, Hänge oder Ähnliches zur Verfügung hat, kann seinen Pferden noch mehr Abwechslung bieten.
  • Das Reichen von ungiftigen Ästen ist eine tolle Beschäftigungsmöglichkeit und ergänzt sinnvoll das Nahrungsangebot vor allem auch für leichtfuttrige Pferde. Genauso kann man überall auf dem Gelände kleine Futterüberraschungen verstecken (z.B. unter Eimer oder Pylonen, in Futterbällen, zwischen Ästen usw.) und die Pferde es selbst finden lassen.
  • Eine noch recht neue Idee sind Schnüffel-Bretter für Pferde, die man mit ganz unterschiedlichen Gerüchen versehen kann (hier natürlich bitte auf Ungiftigkeit achten!). Tatsächlich weiß man heute, dass Pferde einen sehr guten Geruchssinn haben, der möglicherweise sogar mit Hunden mithalten kann. Hier tun sich neue Welten auf!

Das sind natürlich nur einige Ideen – teilt Eure gerne in den Kommentaren mit anderen Leser*innen!

Enrichment für Pferde im Training

Auch beim Training unserer Pferde können wir gezielt mit Enrichment arbeiten. Das große Problem dabei ist, dass dafür wir bereit sein müssen, uns auf Neues einzulassen. Herkömmlicherweise sieht das Training von Pferden ja vor, dass wir feste Ziele verfolgen. Wir fordern also Bahnfiguren und Lektionen, die dann wiederum in möglichst genau der Weise ausgeführt werden sollen, wie es uns richtig erscheint. So sinnvoll das zunächst erscheinen mag, so sollten wir dabei nicht ganz vergessen, dass Pferde von Natur aus echte Bewegungskünstler sind! Und wir nehmen ihnen leider oft ihre angeborenen Fähigkeiten, indem wir alles vorgeben und kontrollieren – und damit einschränken.

Schaut Euch mal bewusst Videos von Fohlen oder Jungpferden an und achtet auf die Vielfalt der Bewegungen. Es ist unglaublich, wozu schon die Jüngsten schon in der Lage sind und wie leicht und spielerisch sie selbst die tollste Akrobatik hinbekommen. Später bekommen wir so etwas meist nur noch am ersten Weidetag zu sehen oder wenn alle mal der Frühling packt. Dafür haben wir steife, falsch bemuskelte und ungelenkige Pferde, die ihre Freude an der Bewegung verloren haben.

Wie schade, dass wir Pferden nicht bewusst viel mehr Möglichkeiten geben, selbstständig Bewegungsprobleme zu lösen! Natürlich geht es nicht darum, unsere Pferde nur noch frei toben zu lassen (obwohl genau das auch wichtig ist). Beim Enrichment im Training geht es unter anderem darum, ihnen sinnvolle (und sichere) Möglichkeiten zu bieten, sich immer wieder neu auszuprobieren.

Zum Beispiel: Freiraum-Training als Enrichment für Pferde

Mit meinem Freiraum-Training setze ich genau da an! Wir sollten uns viel öfter mal zurücknehmen, um den Pferden wieder mehr Frei- und Bewegungsspielräume zu geben. Dadurch, dass es keine Hilfsmittel am Pferd gibt, wird es ihnen überhaupt erst wieder möglich, sich viel mehr selbst zu organisieren. Sie können verschiedene Haltungen ausprobieren und sind gefordert, immer wieder neu ihre Balance zu finden.

Und so sieht das praktisch aus:

  • Ich arbeite ganz bewusst auf unterschiedlichen (bitte immer sicher eingezäunten!) Flächen, also auf dem Platz, in der Halle, auf der Weide oder auch mal auf dem Auslauf, wenn es sich ergibt. Toll ist auch, ein unebenes Gelände nutzen zu können. Auf unserer Sommerweide gibt es zum Beispiel einen Graben, den man super nutzen kann.
  • Ich löse mich von herkömmlichen Lektionen, Bahnfiguren oder Trainingsvorgaben und schaue immer, was in diesem Moment Sinn macht, mein Pferd motiviert und anregt. So entwickle ich neue Aufgaben und Rätsel, die es zu lösen gilt und sorge für Überraschungen und Unerwartetes.
  • Ich nehme Ideen und Vorschläge der Pferde an und arbeite damit weiter. Will das Pferd rennen, dann darf es das, genauso wie es buckeln und hüpfen darf. Viele Pferde stehen den lieben langen Tag und es tut ihnen sehr gut, sich wirklich mal unbeeinflusst bewegen und damit regelrecht befreien zu können.
  • Weiterhin nutze ich verschiedene Dinge, um immer wieder unterschiedliche Bewegungserlebnisse zu bieten, wie Matten, Paletten, Podeste, Dualstangen, Hindernisse, Reifen, Folien und vieles mehr. Auch wild übereinandergelegte Dualschläuche oder andere „ungefährliche Anhäufungen“ können tolle Herausforderungen sein.
    Wichtig: Hier die Pferde wirklich auch mal was selbst machen lassen und nicht ständig eingreifen!

Auch das sind natürlich wieder nur einige Ideen – es ist so viel mehr möglich! Teilt auch dazu Eure eigenen Ideen gerne in den Kommentaren.

Mich begeistert das Thema „Enrichment für Pferde“, Euch auch? Ich denke, da wird es in Zukunft noch mehr von mir zu lesen geben.

Den Kurs zu meinem Freiraum-Training gibt es hier – schau doch mal rein!

5 Kommentare

  1. Da musste ich doch sehr schmunzeln,
    Denn meine kleine Herde hat seid über 25 Jahren ihren eigenen winterspielplatz mit Teich, hügelchen, Bäumen, zweigen und Balken, Planen und Bällen, klappersack und immer wieder neuen “ spielsachen“, wie ICH😉 die enrichment-elemente nenne😆.
    Wer MIR das beigebracht hat???
    Na klar, das waren natürlich alle meine pferde, die Fohlen natürlich, aber auch die älteren und ganz ganz alten, die z.b. das hügelchen lieben, um sich NICHT mehr immer platt hinzulegen sondern ein „stabiles Kopfkissen“ zu haben, auch als aufstehhilfe….
    mach
    weiter
    So!!!
    LG Nina 🌻

    http://pferde-im-alter.jimdo.com

    Antworten
    • Liebe Nina,

      jaaaa, auch mir ging es auch schon öfter so, dass einiges von dem, was ich ohne groß nachzudenken gemacht, eingerichtet oder angeschafft habe, dann später als was „Neues“ angepriesen wurden 😉 Ist doch super, dass Deine Pferde schon so lange von Deinen tollen Ideen profitieren und hoffen wir, dass sich noch viele mehr dazu anregen lassen, ihren Pferden so etwas anzubieten.
      Ganz liebe Grüße,
      Tania

      Antworten
  2. Alles schön und gut aber gewisse Dinge in der Haltung kann man ja als Einsteller gar nicht immer umsetzen — mein Pferd hat zumindest einen festen pferdekumpel aber nicht überall ist paddocktrail u selbstgestaltung möglich — ich versuche Spaziergänge mit grasen als Erlebnis immer oft umzusetzen aber an der Haltung kann ich nur bedingt was ändern

    Antworten
    • Liebe Caro

      Lass Dich nicht entmutigen! Tanja beschreibt sehr oft die „Maximalvariante“. Es ist tatsächlich so, dass wir Pferdemenschen nicht immer Trails mit Wäldchen, Hügeln, Wassergraben und.. und.. und.. zur Verfügung haben. Gerade in der recht kleinräumigen Schweiz sind solche Pferdeanlagen sehr sehr rar. Vielleicht liesse sich das Pferdeparadies sogar finden, wenn dann aber die Anreise 1 Stunde oder mehr dauert (Feierabendstau z. B.) und wir dafür nur noch 2x die Woche zu unseren Pferden fahren können, geht es ihnen wohl kaum besser.

      In der Realität gilt es wohl den persönlichen Kompromiss zu finden. Und Abwechslung bringen auch kleine Veränderungen im Auslauf/Paddock wie ein Heuball, Knabberzeug (z. B. eine Karotte oder ein Büschel Löwenzahn), das aus einem aufgehängten, sprich pendelden „Körbchen“ gefischt werden muss, 2 Äpfel die in einem Eimer Wasser schwimmen, Ende Dezember mal einen übrig gebliebenen Weihnachtsbaum (Achtung nur frisch vom einheimischen Förster, möglichst in Bio Qualität!). Solche Dinge stellen wir unseren Pferden immer mal wieder zur Verfügung. Mit etwas handwerklichem Geschick, müssen die Spielsachen auch nicht teuer sein.

      Dazu kommen die abwechslungsreichen Trainingseinheiten auf dem Sandplatz, der auch zum Wälzen und Toben zur Verfügung steht. Aber das machst Du wohl sowieso schon.

      Herzliche Grüsse – Brigitte

      Antworten
    • Na, da ist mir Brigitte zuvor gekommen 😉
      Caro, so, wie es Dir geht, geht es ganz vielen. Ich bin selbst Einstellerin und weiß über die Grenzen, deshalb finden sich oben auch sehr viele wirklich kleine, umsetzbare Ideen. Und ich weiß auch, was man mit ein bisschen Beharrlichkeit und eigenem Einsatz erreichen kann… 😀
      Auch wenn ich vielleicht ganz gerne beschreibe, wie es besonders schön wäre, so geht es mir nicht um Perfektion, ganz im Gegenteil! Mir geht es darum, einfach immer mal wieder zu schauen, was hier und da möglich ist. Einfach mal frische Äste von geeigneten Bäumen oder Büschen mitzubringen, ist kein großer Akt. Mit E-Zäunen kann sehr einfach etwas Abwechslung in einen Paddock gebracht werden. Ein Schnüffelbrett zu basteln, kostet nur ein bisschen Zeit. Und nein, eir haben hier auch keine Berge und Hügel in der Elbtalaue 🙂 Aber manchmal ergibt es sich, dass irgendwo ein Erdaushub ist und man den bekommen kann, um einen netten kleinen Hügel zu errichten. Natürlich geht es auch ohne, das sind ja alles nur Beispiele. Ich glaube, dass wir zu oft denken, dass das alles nichts bringt, aber auch die kleinen Sachen bringen viel. Und wenn immer mehr Leutchen lauter kleine Sachen verbessern, wird es insgesamt immer schöner.
      Also: Bitte nicht frustriert sein, sondern die Vorschläge einfach als Ideen mitnehmen und immer mal wieder überlegen, was vielleicht doch umsetzbar ist.
      Liebe Grüße,
      Tania

      Antworten

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