Inspiration des Monats

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

Sieh Dein Pferd im Ganzen!

In dieser Rubrik nehme ich mir jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das ich Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es genug, aber gerade bei Basis-Themen ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen, um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. Tipp: Zieht Euch jeweils die Inspiration auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können.

Schon als Kinder haben die meisten von uns (hoffentlich!) gelernt, dass es nicht ausreicht, ein Pferd einfach nur „süß“ zu finden und seine Mähne zu striegeln, sondern dass viel mehr dazu gehört, wenn es ihm gut gehen und es gesund bleiben soll. Also lesen wir und lernen wir, besuchen Seminare und Vorträge und wollen alles möglichst gut und richtig machen. Wir entwickeln uns dann vielleicht zu einem Experten in Sachen Hufrehe, weil unser Pferd gefährdet ist, daran zu erkranken, oder wir verschlingen alles, was wir zum Thema Hufstellung finden können oder wir lernen alles über die Anatomie und Biomechanik des Pferdes oder kennen uns bestens in allen Varianten von Zäumungen aus.

Fundiertes Wissen ist eine tolle Sache, aber selbst dabei gibt es ein „Aber“… Je tiefer wir in ein Thema einsteigen, desto größer wird die Gefahr, dass wir etwas ganz Entscheidendes verlieren: nämlich einen ganzheitlichen Blick auf unser Pferd. Ein Pferd ist nie nur ein Rücken, der uns tragen soll, ist nicht nur ein Hals, der gut bemuskelt sein soll und ist nicht nur ein Set aus vier Beinen, die möglichst spektakulär tanzen sollen. Ein Pferd ist auch nicht nur ein Darm, der möglichst reibungslos arbeiten soll, oder eine Lunge, die gut atmen soll, oder ein Set aus vier Hufen, die möglichst korrekt stehen sollen. Und ein Pferd ist erst recht nicht nur dafür da, unsere Wünsche und Erwartungen brav zu erfüllen, was immer wir auch von ihm wollen…

Allem voran ist ein Pferd ein Lebewesen mit komplexen Grundbedürfnissen, die nicht immer ganz einfach zu erfüllen sind, und körperlichen Gegebenheiten, die unseren menschlichen Erwartungen durchaus auch entgegenstehen können. Ein Pferd ist ein Tier, das soziale Bedürfnisse hat, einmal in Bezug auf Artgenossen, aber auch uns gegenüber, mit denen es gesehen und verstanden werden möchte. Und jedes Pferd bringt eine eigene Persönlichkeit mit, die selten in allen Facetten unserer Traumvorstellung entspricht.

Die große Komplexität und Verantwortung, mit der wir es als Pferdebesitzer/innen zu tun haben, kann manchmal ganz schön überfordern. Ein typischer Weg damit umzugehen, ist der, sich ganz auf einige Details zu konzentrieren, die man als „besonders wichtig“ auswählt. Sie erscheinen uns dann so bedeutungsvoll, dass wir mehr und mehr unseren Fokus darauf legen und so immer mehr von den anderen Aspekten vernachlässigen. Dann haben wir zwar vielleicht ein super gut bemuskeltes Pferd, das aber nur Dienst nach Vorschrift macht, weil ihm die Freude am Training fehlt. Oder unser Pferd bekommt die bestmögliche Futterkombi, weiß aber nicht, wie es vernünftig auf einer Kreislinie laufen soll. Oder unser Pferd erhält die beste Hufbehandlung, leidet aber zunehmend an Übergewicht… 

Der entscheidende Punkt ist: Einseitigkeit ist nie gut, selbst wenn die Intention dahinter gut ist. Viel wichtiger als einzelne Details perfekt haben zu wollen, ist immer ein möglichst breiter und ganzheitlicher Blick auf Euren Liebling. 

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