Pferde sind keine Sachen

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

… deshalb brauchen sie unser Mitgefühl

Ein Auto kaufen wir uns mit der Absicht, es zu fahren. Fährt es nicht, können wir reklamieren, es umtauschen oder reparieren lassen. Ist es irgendwann ganz kaputt, wird es verschrottet. Dasselbe gilt für Computer, Handys, Toaster und dergleichen mehr. Kein Problem, hier geht es um Maschinen und Geräte (natürlich abgesehen vom Umweltaspekt, aber das ist ein anderes Thema). Was aber, wenn es um lebendige Wesen geht? Was, wenn es um Pferde geht? Für mich ist die Antwort klar: Pferde sind keine Sachen und danach müssen wir handeln.

Ähnlich wie bei einem Auto kaufen sich die meisten von uns ein Pferd mit einem Nutzungsziel. Wir möchten es reiten oder fahren, zum Unterricht einsetzen oder für Vorführungen. Natürlich ist es eine große Enttäuschung, wenn das Pferd nachher genau das, was wir wollten, nicht einlösen kann. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass ein Pferd eben kein Gerät ist und keine Maschine. Ein Pferd ist ein lebendiges Lebewesen, das erstmal nichts davon weiß, was der Mensch für es vorsieht.

Ein Blick auf die Rechtslage

Tiere gelten inzwischen vor dem Gesetz nach § 90a BGB nicht mehr als „Sachen“, sondern als Mitgeschöpfe, die durch besondere Gesetze geschützt werden sollen. Doch leider ist es noch immer so, dass auf Tiere weiterhin Vorschriften anzuwenden sind, die auch für Sachen gelten, soweit im Gesetz nichts anderes bestimmt ist. Und so sind Begriffe wie „Sachmängel“, Gewährleistungsansprüche“ und „Rückgaberecht“ noch immer gang und gäbe, wenn es um den Kauf und Verkauf von Pferden geht. Das ist zwar aus Kundensicht schön, aber entlarvend dafür, dass Pferde eben doch noch oft wie Sachen gesehen werden.

Denn: Wo bleibt bei den Gesetzesformulierungen und Bewertungen tatsächlich das „Mitgeschöpf“, also das lebendige Wesen, um das es da doch im Wesentlichen geht? Die Annahme, wir hätten ein Recht auf Nutzung, bedeutet für viele Pferde, dass sie zu funktionieren haben wie eben jeder andere Gegenstand, den wir kaufen. Wenn nicht, gibt man sie eben zurück oder reicht sie weiter.

Nutzung ist kein Recht

Wenn sich grundlegend noch mehr zum Guten für Pferde ändern soll, dann müssen wir Pferdemenschen endlich nicht nur rational verstehen, dass die Nutzung eines Pferdes kein „Recht“ ist, sondern wir müssen es im Herzen fühlen. Und von da muss es einfließen in all unsere Handlungen und Entscheidungen und in unsere Erwartungshaltung. Das gilt für jeden, der mit Pferden zu tun hat, vom Reitanfänger bis hin zum Olympioniken.

Ich denke, wir haben schlicht und einfach kein – moralisches – Recht darauf, ein Pferd zu reiten oder zu „benutzen“. Pferde gelten immer noch als Nutztiere, aber sie sind nicht als solche geboren, sondern sie sind erst einmal vor allem eines: Pferde. (Das gilt natürlich auch für andere Tiere, aber auch das ist wieder ein anderes Thema.) Und nicht zu vergessen: Naturgemäß ist ein Pferd für vieles, was wir von ihm wollen, gar nicht gemacht.

Keine Frage: Es ist etwas Wundervolles, ein Pferd reiten oder etwas anderes mit ihm machen zu können. Aber wir haben kein Anrecht darauf. Wenn alles gut geht, kann das Pferd die Erwartungen, die wir haben, erfüllen. Manchmal kann oder will das Pferd aber nicht geben, was wir möchten, sei es nun aus körperlichen oder psychischen Gründen (oder beiden). Manchmal geht es grundsätzlich nicht, manchmal auch nur für gewisse Phasen nicht. Dann wird schnell von einem „Problempferd“ gesprochen, das man zurück- oder abgeben will, um sich ein „Besseres“ zu holen, also eines, das besser funktioniert. Und so darf man aus meiner Sicht nicht mit Lebewesen umgehen. Ja, es gibt Fälle, in denen es sinnvoll ist, einen anderen Menschen für ein Pferd zu suchen, aber bitte doch nicht, nur weil es „nicht gut genug funktioniert“. Und das gilt besonders, wenn das Pferd einfach nur alt wird.

Mehr Mitgefühl für unsere Mitgeschöpfe

Worauf ich hinauswill: Ich halte es für unerlässlich, dass wir Pferde tatsächlich nicht mehr als Sport- oder Prestigeobjekte ansehen. Lange dachte ich, dass das vor allem für den Reitsport wichtig ist. Aber auch unter denen, für die Pferde Hobby und Leidenschaft sind, gibt es (wie es mir scheint zunehmend) zu hohe Ansprüche und Forderungen und oft zu wenig Mitgefühl für den Partner Pferd.

Tiere sind keine Sachen, Punkt! Diese Aussage dürfen wir nicht länger nur denken, sondern wir müssen sie im Miteinander mit unseren Pferde fühlen und leben. Wir müssen sie praktisch umsetzen im Umgang, im Training und Miteinander. Nur so werden unsere Anforderungen und unsere Bewertung endlich – in einem guten Sinne des Wortes – menschlich sein. Und wir werden es auch dann bleiben können, wenn sich alles anders entwickelt, als wir uns das vorgestellt haben, und wir auf unser „gutes Recht“ verzichten müssen. 

Lesetipp: Versteh Dein Pferd

Pferde sind keine Sachen

4 Kommentare

  1. Ich hoffe schon so lange, dass diese Einstellung in mehr Pferdebesitzer-Köpfen ankommt.
    Leider habe ich schon zu oft erlebt, dass ein Pferd verkauft wurde, weil es den Ansprüchen (Turnier) nicht genügte, und dann kam eben ein „Besseres“.

    Antworten
    • Ja, das sind auch für mich immer traurige Geschichten. Aber viele denken inzwischen auch schon um. Es ist ein langer Weg …
      Herzlich,
      Tania

      Antworten
  2. Wie heißt es so schön: Man bekommt nie das Pferd, das man will – sondern immer das, das man braucht. Wir sollten dieses Geschenk annehmen, auch wenn es oft hart sein kann. Ich spreche da aus Erfahrung, da ich durch meine Pferde in den letzten Jahren viel lernen und meine Persönlichkeit reifen lassen durfte. Es wäre schön, wenn sich die Menschen auf ihre eigene Entwicklung, die durch ihr Pferd angestoßen wird, einlassen würden. Und letztendlich kommt es ja eh immer anders, als man denkt! 😉

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