Raus aus der Komfortzone!?

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

… oder ist sie vielleicht ein guter Ort für Dich und Dein Pferd?

„Raus aus der Komfortzone“ – so heißt es oft, wenn es um Unsicherheit und Ängste geht und darum, „weiter“ zu kommen. Hier findet Ihr mal einige ganz andere Gedanken dazu, denn ich denke tatsächlich, dass Komfortzonen etwas richtig Gutes für uns und unsere Pferde sind.

Was oft übersehen wird

In unserer Leistungsgesellschaft wird immer wieder behauptet, dass man seine Komfortzone „verlassen“ muss, um voranzukommen. Man kann demnach angeblich nur außerhalb der Komfortzone lernen und sich weiterentwickeln. Entsprechend wird das dann auch auf den Umgang mit Pferden und, ja, sogar auf die Pferde selbst übertragen.

Ich habe große Zweifel an dieser These, denn meine Erfahrung ist die: Die individuelle Komfortzone tatsächlich zu verlassen, bringt die allermeisten Wesen in große Not, zumindest dann, wenn es keine bewusste und freiwillige Entscheidung ist. Werden Menschen oder Tiere durch andere in solche Situationen gebracht, empfinden sie mindestens starke Unsicherheit, viel öfter aber geraten sie in echte Angst. Geschieht das Ganze auch noch mit viel Druck oder gar Gewalt, kann es zu Panik oder Traumata kommen. Da Angst nie eine gute Grundlage für einen gemeinsamen Weg ist und da sie Lernen und auch eine gesunde Entwicklung verhindert, scheint mir der Ansatz grundsätzlich fragwürdig.

Was ist eigentlich eine Komfortzone?

Es wird immer wieder so dargestellt, dass unsere Komfortzone wie ein kuscheliges Sofa im Wohnzimmer ist, von dem wir mit dem Hintern hochkommen müssen. Tatsächlich aber ist unsere Komfortzone sehr viel größer! Ja, in der Mitte steht unser bequemes Sofa, aber dort verbringen wir ja nicht die gesamte Zeit unseres Lebens. Die Komfortzone ist vielmehr der Bereich, in dem wir uns grundsätzlich einigermaßen sicher und vertrauensvoll bewegen können, und in dem wir handlungsfähig bleiben und gute Entscheidungen treffen können. Je näher wir an den Rand unserer Komfortzone kommen, desto unsicherer werden wir, und außerhalb der Komfortzone erfahren wir Angst und/oder Ohnmacht. Nun empfinden manche Menschen solche Grenzerfahrungen als reizvoll und bekommen dort einen „Kick“ und das wird auch gerne geteilt. So wird Spektakuläres in den sozialen Medien zunehmend gefeiert, während die Komfortzone als Manko gilt…

Tatsächlich arbeiten wir hier gegen die Natur. Bewertet ein Wesen eine Situation als gefährlich, kommt es zu einer Angstreaktion, die zum Ziel hat, das System zu schützen. Bei echter Gefahr wird einer der drei Reflexe aktiv: Flucht, Angriff oder Erstarren. Genau das wollen wir doch aber im Umgang mit unseren Pferden vermeiden! Weder wir selbst wollen so viel Angst empfinden, noch soll unser Pferd in diesen Zustand kommen.

Erforschen und erweitern statt verlassen!

Wir wünschen uns doch ein harmonisches und vertrauensvolles Miteinander mit unserem Pferd. Es soll sich gut anfühlen, etwas zusammen zu unternehmen, und wir möchten, dass unser Pferd offen und lernbereit ist. Wie können wir da annehmen, dass es gut sein könnte, es aus seiner Komfortzone zu bringen? Harmonie und Vertrauen können wir nur erreichen, wenn wir und unser Pferd uns wohlfühlen oder anders gesagt: wenn wir innerhalb unserer gemeinsamen Komfortzone sind.

Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass wir nie versuchen sollten, die Komfortzone mit Druck zu verlassen. Und erst recht sollten wir das nicht für ein anderes Wesen entscheiden. Das heißt aber nicht, dass wir nichts verändern können! Sollte sich die momentane Komfortzone als zu eng oder zu unflexibel herausstellen, können wir sie in einem angemessenen Maß gemeinsam Schritt für Schritt vergrößern. So können wir und unsere Pferde ohne Angst wachsen.

Dafür müssen wir aber erst einmal verstehen, wie die gemeinsame Komfortzone eigentlich genau aussieht und sie als einen guten Ort würdigen. Dann können wir gemeinsam mit dem Pferd achtsam herausfinden, in welchen Bereichen wir an ihren Rand kommen. Ganz wichtig dabei: Komfortzonen sind nie statisch, sondern verändern sich in verschiedenen Phasen und Umgebungen und auch nach Stimmung oder Befindlichkeiten. Sie können also größer werden, aber auch schrumpfen.

Gemeinsam das Feld erweitern

Ein entscheidender Punkt bei den Wesen, die es genießen können, aus ihrer Komfortzonen herauszugehen, ist der, dass sie es von sich aus tun. Sie werden nicht gezwungen, sondern sie trauen es sich zu und sie lieben die Herausforderung. Und mit jedem Wagnis erweitert sich die Komfortzone wieder ein Stück. 

Und wie könnte das im Miteinander mit unseren Pferden aussehen? Wir könnten statt uns zu fragen: „Wie bringe ich mein Pferd dazu, etwas zu tun, wovor es Angst hat?“ (oder „mutiger zu werden“ oder „gelassener zu werden“ oder Ähnliches) lieber Folgendes überlegen:

„Was braucht mein Pferd, um etwas tun zu können, vor dem es Angst hat,
und wie kann ich es ihm leichter machen?“

Dann arbeiten wir nämlich in und mit der Komfortzone und nicht dagegen. Ich bin mir sicher, es würde sich allein mit diesem kleinen Umdenken so vieles im Umgang mit Pferden zum Guten ändern – und das Miteinander auch viel sicherer machen. 

Lesetipps: Der Anti-Angst-Kurs und Versteh Dein Pferd

 Webinar-Tipp: Tanias Vertrauenstraining

4 Kommentare

  1. Liebe Tania,

    Vielen Dank für diesen tollen Perspektivenwechsel! Ich wäre von allein nie darauf gekommen, es auch mal so zu betrachten. Das ist sehr heilsam für mich!

    Liebe Grüße
    Susi

    Antworten
  2. Oh liebe Tania, vielen vielen Dank für diesen Beitrag! Endlich darf ich – dürfen wir ohne mein schlechtes Gewissen in unserer Komfortzone bleiben. Für solche Perspektivenwechsel und Denkanstöße liebe ich die „Wege zum Pferd“.
    ❤️

    Antworten
    • Liebe Ulrike,

      hach, wie schön es ist, das zu lesen.

      Lieber Gruß,
      Tania

      Antworten

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