Liebe Dein Pferd so, wie es ist

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

Inspiration des Monats

Liebe Dein Pferd so, wie es ist“ – das ist ein Satz, der ganz schön schmerzen kann. Wer will schon vor sich selbst oder gar vor anderen zugeben, sein Pferd vielleicht nicht ganz so zu lieben, wie es ist? Tatsache ist aber, dass wir in einer Gesellschaft der hohen Erwartungen leben, und das prägt uns mehr als wir oft ahnen. Die meisten von uns streben Erfolg an, zielen auf besondere Leistungen und sehnen sich nach etwas aufregend Spektakulären. Und damit machen wir auch vor unseren Pferden nicht halt.

Ich halte es für sehr wichtig, sich seine – manchmal unbewussten und unrealistischen – Ansprüche genauso bewusst zu machen wie auch die möglichen Enttäuschung genau darüber, dass sie nicht erfüllt werden. Ohne dass wir es wollen, können Frust und Enttäuschung unser Verhalten deutlich beeinflussen. Nimmst Du Deinem Pferd vielleicht unbewusst übel, dass es nicht das erhoffte Dressurwunder oder das verlässliche Wanderrittpferd ist, das Du Dir erträumt hattest? Oder dass es nie so hoch springen wird, wie Du es gerne wolltest, oder nie eine perfekte Piaffe schaffen wird? Was immer es ist, das Pferd kann genau das spüren, selbst wenn Du das gar nicht willst.

Pferde haben feine Antennen

Pferde haben sehr feine Antennen für unsere Befindlichkeiten. Es wird leider oft mit dem Vorwurf der Vermenschlichung vom Tisch gewischt, aber tatsächlich können Pferde unsere Unzufriedenheit, unser Hadern und unsere enttäuschten Erwartungen wahrnehmen. Und sie gehen damit unterschiedlich um. Viele von ihnen geben sich immer wieder viel Mühe, unseren Erwartungen zu entsprechen. Aber genau wie wir selbst auch oft nicht aus unserer Haut können oder bestimmte Sachen einfach nicht schaffen, können auch Pferde eben vieles nicht, was wir von ihnen wollen. Manche reagieren dann trotzig, andere verschließen sich ein Stück weit für uns, so dass das Miteinander oberflächlicher wird, als es sein müsste. Wieder andere entwickeln Macken oder Ähnliches.

Die Basis für echtes Miteinander ist für mich Annahme. Nimm also Dein Pferd so an, wie es ist, und liebe Dein Pferd genau dafür. Wenn Dir ein solches Ja gelingt, wirst Du immer mehr entdecken, was Du stattdessen bekommst. Und vielleicht kannst Du manchen Traum auch mit einem anderen Pferd umsetzen, … es muss ja nicht immer das Eigene sein.

Lesetipp: Der Freudekurs

Liebe Dein Pferd für das, was es ist.

5 Kommentare

  1. Ein wundervoller Text, der übrigens auch auf die Beziehungen zwischen Menschen übertragen werden kann (speziell zwischen Eltern und Kindern 😉).
    Ich habe so oft erlebt, dass Menschen enttäuscht sind von ihrem Pferd und krampfhaft weiter versuchen, aus ihrem Norweger einen schicken Lusitano zu formen, weil die (oder das, wofür sie gezüchtet wurden) gerade ‚in‘ sind…. Statt ihre Augen und ihr Herz für den großartigen Kumpel zum öffnen, der für sie im Gelände durch dick und dünn gehen würde 🙂

    Antworten
    • Herzlichen Dank für Deine Zeilen, Nicola. Ja, letztlich wünschst sich jedes Wesen Annahme und so sein zu dürfen, wie es ist. Das schließt Entwicklung nicht aus, aber diese kann nur im Nährraum eines „Ja’s“ stattfinden, wenn sie gut sein soll.
      Ganz herzlich,
      Tania

      Antworten
  2. Liebe Tania,
    das ist ein toller Artikel. Vielen Dank.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es sehr hilfreich ist, sich selbst ehrlich anzuschauen. Das ist aber manchmal nicht so einfach, wenn man das, was man da „zugeben“ müsste, nicht mag. Und so wie wir oft auf uns selbst schauen, schauen wir dann leider auch auf unsere Pferde. Sehr kritisch…

    Akzeptanz ist da wirklich der Schlüssel zum „Glück“. Es heißt ja nicht, dass ich das immer toll finden muss, was ich da sehe. Aber wenn ich ehrlich bin und akzeptiere, ist der Weg frei, einen besseren Weg zu finden, wenn der gegangene Weg Leid verursacht.
    Es wird soviel Raum und Kraft frei, wenn wir aufhören zu kämpfen und akzeptieren, was sowieso da ist. Und dann kann man auch die ganzen Geschenke entdecken, die einem mit Tunnelblick und Abwertung entgehen.

    Ich persönlich erkenne in meinem Pferd auch ganz viel von mir selbst. Nur mit dem großen Unterschied, dass mein Pferd sich keinen Kopf darüber macht, wie sie bei anderen ankommt. Sie ist sie selbst. Und dafür liebe ich sie sehr und beneide sie manchmal sogar wirklich dafür… 😉

    Herzliche Grüße
    Bettina

    Antworten
    • Ganz herzlichen Dank für Deine ehrlichen und wundervoll geschriebenen Zeilen.

      Alles Liebe für Euch zwei,
      Tania

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      • Vielen Dank.
        Alles Liebe auch für Dich.
        Bettina

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