Wie sagt ein Pferd Nein zum Reiten?

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

Die Signale des Pferd verstehen lernen

Vor einer Weile erwähnte ich in einem kleinen Beitrag, dass ich meinen Anthony selten reite, weil er das oft nicht will. Daraufhin bekam ich sehr viele Fragen dazu, woran ich denn merken würde, wenn mein Pferd nein zum Reiten sagt. Da hier offenbar viel Unsicherheit besteht, folgt hier nun ein Beitrag zu genau dieser Frage.

Verhalten ist Kommunikation

Meine Erfahrung ist die: Pferde teilen sich uns ständig mit! Und tatsächlich erkennen sogar viele das Problem und sagen so etwas was wie: „Die hat nur keinen Bock!“ oder „Der kann durch, will nur nicht.“ Aber statt nach den Ursachen zu suchen und das Reiten pferdefreundlicher zu gestalten, „setzt“ man sich dann durch …

Das große Problem ist, dass uns kaum jemand beibringt, auf die Signale von Pferden richtig, im Sinne von pferdefreundlich, zu reagieren. Im Gegenteil: Ganz oft werden selbst deutlich zuordbare Signale von Pferden vom Tisch gewischt, ins Lächerliche gezogen, vermenschlicht oder komplett falsch interpretiert. Natürlich kann es ziemlich unbequem sein, sich von seinem Pferd sagen zu lassen, dass ihm das Reiten keinen Spaß macht oder es sogar schmerzhaft ist. Wer aber pferdefreundlich handeln möchte, muss sich genau mit solchen Äußerungen konstruktiv und im Sinne des Pferdes befassen!

Pferde haben zwar keine Stimme, aber sie zeigen durchaus, was in ihnen vorgeht. Sie kommunizieren vielfältig über ihre Mimik, Körpersignale und ihr Verhalten mit uns. So gut wie immer sind ihre Signale zunächst subtil, … leider oft zu subtil für uns Menschen. Werden sie dann deutlicher, nehmen wir sie nicht ernst oder missinterpretieren die Signale als „Widersetzlichkeiten“, bestrafen und unterbinden sie.

So vielfältig kann ein Nein zum Reiten sein

Wer bereit ist, hinzuschauen, kann sehr vielfältige Signale und Verhaltensweisen erkennen, mit denen Pferde deutlich machen, dass sie das Gerittenwerden nicht mögen oder sogar Angst davor oder Schmerzen dabei haben – und wir kennen sie wohl alle:

  • Viele Pferde weichen beim Satteln zur Seite, manche schnappen nach dem Sattel oder scharren mit dem Vorderhuf, stampfen mit dem Hinterhuf auf, drohen oder keilen, wenn gesattelt oder gegurtet werden soll.
  • Beim Zäumen wird der Kopf hochgenommen oder weggedreht, das Maul nicht geöffnet oder es wird geschnappt.
  • Auf dem Weg zur Halle oder zum Reitplatz beziehungsweise beim Weggehen vom Hof zögern viele Pferde, bleiben stehen oder gehen rückwärts.
  • An der Aufstieghilfe bleiben viele Pferde nicht ruhig und gelassen stehen, sondern treten zur Seite, weichen aus, gehen rückwärts oder laufen schon los, bevor man aufgestiegen ist.
  • Beim Reiten selbst sind die Signale dann noch vielfältiger: Die Zeichen gehen hier von einem verhaltenen, stockenden und lustlosen Laufen oder sogar einer Weigerung, überhaupt loszugehen, bis hin zum kopflosen Losrennen und Durchgehen. Aber auch das Wehren gegen den Zügel, Kopfschlagen, ein unruhiger Schweif, auskeilen, buckeln, steigen und dergleichen mehr können deutliche Signale sein, dass das Pferd ein Problem damit hat, geritten zu werden.
  • Und für mich ist das Verkriechen hinter dem Zügel ein besonders eindringliches Zeichen für Pferdeleid beim Reiten, denn hier hat das Pferd schon aufgegeben, nein zu sagen, sondern es versucht nur noch, Schmerzen zu vermeiden.

Insgesamt spricht auch die ganze Mimik, Körpersprache und Grundenergie eines Pferdes Bände – es ist zu sehen, ob ein Pferd locker, fröhlich und motiviert ist oder ob es verkrampft, gestresst und unglücklich ist. Wir müssen nur bereit sein, hinzufühlen …

Achtsamer werden!

Oft nehmen wir das Nein eines Pferdes leider erst wahr, wenn es heftig wird. Dann aber haben wir bereits ein großes Problem. Viel sinnvoller und schöner ist es, bereits im Kleinen achtsamer zu werden.

Eine ganz wichtige Leitfrage lautet für mich immer:

Wie geht es meinem Pferd gerade?

Ja, das ist eine Frage, die ein bisschen Mut erfordert, weil uns die Antwort vielleicht nicht immer gefällt. Aber dafür schenkt sie uns viele Chancen, (nicht nur) das Reiten schöner zu gestalten, das allerdings nur, wenn wir bereit sind, unser eigenes Verhalten zu verändern.

Das Ziel sollte immer ein Ja zum Reiten sein

Wenn wir Pferde reiten möchten, liegt es meinem Verständnis nach in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es ihnen dabei gut geht. Idealerweise haben sie selbst Freude daran. Äußert ein Pferd Unbehagen oder sagt es sogar deutlich nein, gilt es nach den Ursachen zu fragen. Ich persönlich reite heute kein Pferd mehr, dass mir zeigt, dass es die Sache doof findet. Und da sind wir wieder bei Anthony, denn bei uns ist es er, der darüber entscheidet, ob das Reiten eine gute Idee ist oder nicht. Wenn nicht, dann lassen wir es. Wenn ja, dann ist es wunderschön.

Pferde senden uns so viele kleinere und größere Zeichen, wenn sie sich nicht wohlfühlen mit dem, was wir tun. Manches ist einfach zu erkennen, manches nicht so offensichtlich. Einiges hat seine Ursprünge in der Vergangenheit, anderes in exakt dem, was wir tun. Oft sind nur ganz kleine Änderungen nötig, damit das Pferd wieder ja sagen kann, manchmal aber ist auch ein tiefgehendes Umdenken nötig. Entscheidend ist unser Umgang mit einem Nein von unserem Pferd, der eben unter Umständen auch darin bestehen muss, das Reiten (erst einmal) sein zu lassen.

Lesetipps: Mit dem Herzen voran + Versteh Dein Pferd

Nein zum Reiten

7 Kommentare

  1. Mein Pferd is zZt ein echter Nein-sager zu fast alles. Wenn ich komme mit seinem Halfter, dreht er sich meistens erst mal weg (und ärgert die andere Pferden). Ich drehe mich dann auch weg und gehe ein Stück, oder schiebe erst mal den Mist.
    Nach eine Weile kommt er fast immer von alleine gucken was ich mache. Manchmal kann ich dan einfach aufhalftern, manchmal auch nicht. Es ist richtig schwierig bei ihm das Richtige zu tun. Einerseits möchte er gerne etwas mit mir machen, aber bei vieles weigert er sich. Schneller als Schritt
    geht gar nicht. Manchmal tobt er sich richtig aus mit einem Kumpel. Das nasse Wetter macht alles auch nicht einfacher. Jeden Tag is eine Überraschung was geht oder nicht. Er entscheidet, mit Druck läuft gar nichts. Ich merke aber, daß er nicht ausgelastet ist; er wird „frech“ und will mit mir spielen. Seine Vorgeschichte: vor gut einem Jahr Umzug von Frankreich in die Niederlande, steht in einem Paddock Paradise in ein gemischter Gruppe von 9, davor große Wiese in einer Gruppe von 8. Leider hat sich die Zusammensetzung der Gruppe in diesem Jahr ständig geändert. Er ist mit nur 3 anderen noch übrig von der ursprünglichen Gruppe, es kamen insgesamt 8 neue Pferden, wovon auch wieder 3 weg sind. Das hat ihm jedes mal sehr
    gestresst.

    Antworten
    • Hallo Eveline,
      ja, Veränderungen in der Gruppe setzen manchen Pferden sehr zu. Und der Winter sorgt auch bei einigen für eine gewisse Reizbarkeit. Ist Dein Pferd noch sehr jung? Dann ggf. auch an Pubertät denken. Auf jeden Fall ist es toll, dass Du so achtsam wahrnimmst, dass er nicht will und darauf eingehst.
      Alles Gute für Euch,
      Tania

      Antworten
  2. Hallo,
    ich habe inzwischen aufgehört zu reiten, aus folgenden Gründen:
    Mein Pferd zeigte die Unlust immer öfter/stärker, trotz all meiner ‚Abhilfeversuche‘.
    Ich reite nicht gut genug, habe oft zudem Angst beim Ausreiten, auch eine Reitbeteiligung schien nicht die Lösung zu sein.
    Durch unsere Stallumstände, Wetter, Krankheiten war eine durchgehende Gymnastizierung einfach nicht möglich.
    Seitdem der Druck weg ist, ist Marlon gesundheitlich stabiler, ausgeglichener, und ich bin wesentlich entspannter.
    Jeden Tag gucke ich neu, was heute geht, es ist wunderbar so.
    Manchmal fehlt mir ein netter Ausritt, ihm vielleicht auch, aber Alles kann/muss ich nicht haben, ein Lernprozess für mich, oh ja… – aber jeder gute Moment zählt, gerade in der heutigen ungewissen Zeit!!
    Rebecca

    Antworten
    • Herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Wie schön, dass Du so achtsam auf Dein Pferd hörst und es zeigt Dir ja auch, dass er froh darüber ist. Es ist sooo ein guter Weg, einfach immer wieder neu zu schauen, was heute gut für uns und unser Pferd ist – also nichts für „immer und ewig“ zu entscheiden, sondern sich an dem zu freuen, was gerade ist.
      Alles Gute für Euch,
      Tania

      Antworten
  3. Moin,
    also ich bin da grade mit meiner Stute auch total Ratlos… wenn ich bei Ihr auf der Koppel bin klebt sie an mir will was machen bietet sich an, alles toll. aber aktuell wenn ich Sie dann raushole und was machen möchte, und sei es nur über den Hof zu laufen, dreht sie vollkommen durch. Der Kopf ist überall, Sie ist schreckhaft oder wenn wir die auffahrt hoch gehen und auch wieder zurück ist Sie an der Hand -klingt komisch- aber „brav“ am Buckeln. (also Sie steigt und tritt aus spielt Rodeo aber greift nicht an, also abgewandt von mir locker am Strick, daher das „brav“) Ich versteh es einfach nicht. Sie wird im April jetzt 6. Alles Außerhalb der Koppel findet Sie grade einfach doof. Es ist auch egal dabei ob andere Pferde dabei sind oder nicht.

    Antworten
    • Hallo Claudia,
      ich bekomme immer wieder Mails, in denen Ähnliches beschrieben wird. So ein Verhalten verunsichert natürlich. Und es kann alle möglichen Ursachen haben, da ist eine Ferndiagnose aus ein paar Sätzen nicht möglich. Bei dem was Du schreibst, würden mir als erstes Pubertät und/oder „Winterkoller“ in den Kopf kommen, aber wie gesagt, es können auch andere Ursachen sein und ich müsste viel mehr wissen, um eine bessere Einschätzung geben zu können.
      Hab erstmal ein bisschen Geduld und Nachsicht, das kann alles bald schon wieder ganz anders aussehen. Vielleicht braucht sie auch einfach eine kleine Entwicklungspause. Und wenn es nicht wieder besser wird, gilt es dann, wirklich mal systematisch nach den Ursachen zu suchen.
      Alles Gute für Euch,
      Tania

      Antworten
      • Genau das war auch mein Gedanke beim Lesen des Berichts.
        Wie wäre es, auf der Wiese einfache mobile Aufgaben zu machen: nimm.dir 2 stangen/dicke Äste mit und nutze sie für vielfältige aber simple Lektionen mit dem Endziel, das Pferd Huf für Huf vorwärts und rückwärts drüber treten zu lassen, ggf auch 1-2tritte seitwärts: aber bitte klein anfangen und je nach Tagesform üben.
        „weniger ist mehr“!!!!
        Und natürlich IMMER mit einer gut geschafften Lektion zu enden…
        Viel Erfolg
        wünscht Nina

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