Positive Verstärkung mit Pferden

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

Gelebte Pferdefreundlichkeit

Positive Verstärkung (bekannt auch als Clickertraining) beschreibt einen belohnungsbasierten Lernansatz. Bei erwünschtem Verhalten erlebt das Tier etwas Positives. Es wird gezielt belohnt, damit es genau von diesem Verhalten mehr zeigt. Das kannst Du ganz wunderbar im Umgang und Training nutzen. Aber es geht dabei um sehr viel mehr als nur ums Lernen! Worum genau, erfährst Du hier.

Positive Verstärkung im Umgang und Training

Zunächst erleichtert die positive Verstärkung die Kommunikation mit Pferden. Das punktgenaue Lob macht es einem Pferd sehr viel leichter zu verstehen, was wir von ihm möchten. Herkömmlicherweise geben wir bestimmte Signale oder Hilfen, bei denen das Pferd dann durch Versuch und Irrtum herausfinden muss, was wir wollen. Tut es das nicht, geben wir das Signal meist doller, ohne uns zu fragen, ob das Pferd überhaupt versteht (verstehen kann), was gewünscht ist. Nicht selten folgen auch Strafen, wenn das Pferd nicht tut, was es „soll“.

Bei der positiven Verstärkung gehen wir ganz anders vor. Wir beginnen nicht beim Ziel, sondern beim Verhalten des Pferdes. Tut es etwas das wir toll finden, können wir das Verhalten punktgenau mit einem Markersignal (häufig ein Clickgeräusch, deshalb der Name „Clickertraining“, es kann aber auch ein Wort sein) kennzeichnen und ein Lob folgen lassen. Auf diese Weise versteht das Pferd in der Regel sehr schnell, was gewollt ist.

  • Wir brauchen dafür ein klares Bewusstsein darüber, was wir eigentlich gerne möchten. Das heißt, wir selbst müssen Klarheit über das Zielbild, vor allem aber auch über die einzelnen Schritte dorthin haben.
  • Unser Timing muss gut sein, denn das Markersignal muss genau dann kommen, wenn das Pferd das tut, was gewünscht ist und nicht erst, wenn es schon wieder etwas ganz anderes macht.
  • Das Lob muss vom Pferd als etwas wirklich Positives empfunden werden, weshalb oft Futter genommen wird (Futter ist ein primärer Verstärker). Je nach Pferd können es aber auch Krauleinheiten oder anderes sein.

Echtes Verstehen wird möglich

Die Kombination aus Marker + Lob ermöglicht eine sehr effektive Kommunikation mit dem Pferd, da Verstehen möglich wird.

Wenn Du zum Beispiel ein Pferd nach einem Ritt lobst oder ihm Futter gibst, ist das eine nette Geste, aber für das Lernen einzelner Dinge kaum hilfreich, denn das Pferd weiß ja nicht, was genau gut war. Arbeitest Du hingegen mit Marker + Lob, kannst Du dem Pferd exakt vermitteln, was Du prima findest und das dann durch das Lob positiv verstärken. So wird es immer mehr Freude daran bekommen, das Verhalten von sich aus wieder zu zeigen. Der Zauber besteht darin, dass Pferde auf diese Weise viel leichter lernen, weil sie wirklich verstehen können, was gewünscht ist. Die meisten Pferde tun gerne etwas für uns, viele wissen nur oft einfach nicht, was wir möchten.

Der Weg zu einer anderen Sicht und einem anderen Umgang

Darüber hinaus führt dieses Prinzip zu einem völlig anderen Umgang mit Pferden, weil wir anders zu denken beginnen. Herkömmlicherweise wollen wir ein Pferd durch Einsatz von unterschiedlichen Arten von Druck zu etwas bringen. Wir machen dafür unerwünschtes Verhalten unangenehm (= negative Verstärkung). Oder wir bestrafen es (= positive Strafe, nicht wundern: die Begriffe „positiv“ und „negativ“ werden hier etwas anders verwendet, als wir es normalerweise tun). Die Grundidee dabei ist, dass wir so etwas ein Recht darauf haben, dass das Pferd tut, was wir wollen. Und das setzen wir dann mehr oder weniger nett durch.

Wenn wir mit der positiven Verstärkung arbeiten, geht es nicht mehr darum, ein Pferd zu etwas zu bringen. Wir möchten eine aktive Mitarbeit und wollen dafür eine Situation schaffen, in der das Pferd von sich aus das Verhalten, das wir anstreben, entwickelt und anbietet, also freiwillig. Genau das können wir dann markern und belohnen und damit verstärken. Statt „Befehle“ (was Hilfen leider oft sind) zu geben, liegt es nun in unserer Verantwortung, das Pferd für unsere Ideen zu gewinnen und ihm das Lernen möglich zu machen. Und dafür müssen wir auch bereit sein, ehrlich hinzuschauen, wodurch wir es ihm oft schwer machen. Selbstreflexion ist unerlässlich!

Im Gegensatz zu einem „gehorsamen Befehlsaufsführer“ erreichen wir mit dem Clickertraining ein aktiv mitarbeitenden und motivierten Partner. Unsere Pferde werden wacher, aktiver und bringen eigene Ideen ein. Und das macht es so spannend, denn so entsteht echtes Miteinander.

Warum viele sich mit der positiven Verstärkung schwertun

Warum, so könnte man fragen, nutzen diese tolle Sache eigentlich nicht alle im Umgang und Training mit Pferden? Eine Antwort lautet: Weil dieser Ansatz letztlich alles ändert. Und das ist eben auch ganz schön unheimlich, weil man sich selbst ändern muss.

Wie viele andere, habe auch ich mich zunächst schwer mit der positiven Verstärkung getan, da sie so ganz anders ist als alles, was mir beigebracht wurde. Je mehr ich mich damit befasste, desto klarer sah ich, dass ich Pferde leider lange Zeit in vielen Bereichen unfair behandelt habe. Auch ich hatte gelernt, mich durchzusetzen, statt Pferde zu verstehen und besser zu erklären. So erkannte ich vieles, was ich hätte besser machen können und schämte ich mich für einiges. Sich mit solchen Gefühlen zu befassen, ist nicht einfach. Aber deshalb an dem festzuhalten, was nicht gut ist, ist absurd!

Ich kann heute für mich sagen, dass die positive Verstärkung der pferdefreundlichste Weg im Umgang und Training ist, den ich kenne. Es entsteht so viel Gutes aus dem Clickertraining, dass ich immer wieder Mut dazu machen möchte, es für sich zu entdecken.

Hier noch ein paar Links für Dich zum Weiterlesen:

Lesetipps: Der Clickerkurs + Freiraum-Training

Positive Verstärkung mit Pferden

2 Kommentare

  1. Liebe Tania, ich habe mit meiner Hündin eine Weile mit Clickertraining gearbeitet. Eines Tages hat sie sich durch ein Clickersignal total erschrocken. Danach ging mit Clicker gar nichts mehr. Seit dem habe ich zum Clicker ein gespaltenes Verhältnis 😉
    Du sagst, man könne es auch durch ein Wort ersetzen ? Habe ich dich richtig verstanden ?

    Antworten
    • Hallo Friedrich,
      ja, manchen Pferden ist der Clicker tatsächlich zu laut. Ich persönlich nutze einen sogenannten Zungenclick, mache also ein spezielles Geräusch, das ich nur zum Clickern verwende. Das ist leiser und ich habe die Hände frei 🙂 Ein Lobwort nutze ich als „Verlauflob“ ohne, dass es dafür etwas bekommt. Diese Unterscheidung hat sich für uns gut bewährt.
      Aber ja, man kann auch ein Wort nehmen. Hierbei ist wichtig, eines zu wählen, dass man sonst nicht benutzt und eines, das man so emotionslos wie möglich sagen kann. Denn das ist aus meiner Sicht ein Hauptproblem, wenn man ein Lobwort nimmt, dass unsere aktuelle Gefühlslage meist mitschwingt und wir ungewollt je nach Situation auch lauter oder leiser, weicher oder härter klingen. Das Geräusch eines Clickers ist einfach immer neutral und immer gleich und das sollte man dann möglichst auch mit dem Wort hinbekommen. Ich habe früher das Wort „Keks“ genommen (was allerdings durch den S-Laut am Schluss bei manchen Pferden auch wieder zu scharf ist“. Vielleicht „Click“ als Wort? Und schön üben, es immer gleich zu sagen 😉
      Hilft das weiter?
      Tania

      Antworten

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