Raumverhalten Verstehen

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

Ein Schlüssel für die pferdefreundliche Kommunikation

Pferde denken in Räumen und kommunizieren über Raumverhalten. Leider ist das vielen Pferdeleuten noch fremd und leider wird diese Art der Kommunikation aus meiner Sicht im praktischen Umgang immer wieder falsch interpretiert. Diese Art der Kommunikation wirklich zu verstehen, war für mich ein echter Schlüssel im Miteinander mit Pferden auf allen Ebenen. Sie eröffnet einen ebenso spannenden wie pferdefreundlichen Weg der Verständigung und des Verstehens. Darüber habe ich übrigens vor allem von den Pferden und weniger von Menschen gelernt, etliches davon ist in meinem Kurs „Versteh Dein Pferd“ eingeflossen.

Pferde kommunizieren subtil

Die natürliche Kommunikation über Raumverhalten können wir am besten durch Beobachtungen von Wildpferden verstehen und erlernen (siehe dazu zum Beispiel die Arbeit von Lucy Rees).

Eine Pferdeherde organisiert ihr Miteinander sehr fein und subtil über das so genannte Raumverhalten. Jedes Pferd weiß jederzeit, wo die anderen im Verhältnis zu ihm stehen. Dafür kommunizieren sie über die kleinsten Veränderungen (Position, Abstand-Nähe, Ausrichtung usw.). Diese sehr effektive Kommunikation stellt sicher, dass im Notfall alle Pferde gemeinsam reagieren. Das sichert das Überleben der einzelnen Herdenmitglieder. Ohne das hoch ausgebildete Raumbewusstsein würde es im Fall einer Flucht ständig „Unfälle“ geben. Weiterhin werden durch diese Art der Kommunikation Konflikte reduziert, was es allen in der Herde leichter macht.

Auch uns gegenüber leben Pferde Kommunikation natürlicherweise durch Raumverhalten. So fragen sie zum Beispiel immer wieder freundlich an, ob sie sich zum Beispiel uns nähern dürfen oder nicht. Da wir diese kleinen Fragen (zu uns schauen, sich zu uns lehnen, einen Huf in unsere Richtung setzen usw.) aber selten erkennen und auch verstehen, bekommen sie keine Antwort. Dann gehen sie (für sie folgerichtig) davon aus, näher kommen zu dürfen. Wir reagieren dann leider erst, wenn uns das Pferd schon auf den Füßen steht, Dann schimpfen wir, weil das Pferd „rüpelig ist und reagieren leider oft aus Pferdesicht unverständlich und unangemessen. Und so gibt es ganz viele Momente, in denen wir diejenigen sind, die sich für Pferde kommunikativ sehr ungeschickt anstellen.

Was wir Menschen leider (oft) daraus machen

In manchen Trainingsmethoden wird mit dem Raumverhalten von Pferden gearbeitet, um Gehorsam zu erreichen. Wir lernen nicht, die feinen, subtilen Signale von Pferden zu erkennen, mit denen sie sich sehr höflich und respektvoll mitteilen. Statt dessen werden wir dann angeleitet, Pferde weichen zu lassen, als Strafe grob rückwärts zu richten und dergleichen mehr. Hier wird das Prinzip leider nicht pferdefreundlich genutzt, im Gegenteil. Hier fordert der Mensch das Recht, den Raum des Pferdes jederzeit betreten, kontrollieren und einschränken zu können. Diese Einbahn-Kommunikation führt häufig zu Unterwerfung, nicht aber zu gegenseitiger Verständigung.

Darüber hinaus machen wir es Pferden auf vielerlei Weise schwer und manchmal sogar unmöglich, untereinander natürlicherweise über das Raumverhalten zu kommunizieren. Allein durch die Haltung, in der wir Pferde willkürlich auf sehr begrenzten Raum zusammentun, wichtige Ressourcen (wie Futter und Wasser) begrenzen und sie allein damit umgehen lassen, führt dazu, dass sie viel heftiger miteinander umgehen, als das in der Natur der Fall wäre. Und genau das wird dann oft auch noch als Rechtfertigung für den eigenen groben Umgang genutzt!

Es gilt, Raumverhalten erst einmal zu verstehen

Bevor wir selbst beginnen, über das Raumverhalten mit Pferden zu kommunizieren, sollten wir es erst einmal wirklich verstehen. Es ist in vielen Bereichen extrem fein und subtil. Deshalb müssen wir erstmal ganz viel von dem, was wir schon zu wissen glauben, loszulassen.

  • Es geht darum zu lernen, die kleinen feinen Bewegungen bei Pferden zu erkennen, mit denen sie einander Fragen stellen und auch antworten.
  • Es geht darum, die Bedeutung von Nähe und Abstand in feinsten Abstufungen zu begreifen.
  • Es geht darum, Körperkontakt und Berührungen neu zu verstehen (da haben Pferde oft ganz andere Bedürfnisse und auch Wahrnehmungen als wir).
  • Und wir sollten erkennen, dass wir in unserem eigenen Raumverhalten oft wie respektvolle Bulldozer auf Pferde wirken – und genau das ändern.

Praxistipp: Mir haben hier Videoaufnahmen vom meinem normalen Umgang mit Pferden sehr geholfen. So kann man oft viel mehr sehen als in der Situation selbst.

Lesetipp: Versteh Dein Pferd (mit Video zum Thema)

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