Von Wildpferden lernen

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

… Eine Buch-Reflexion

Vor langer Zeit habe ich einmal Wildpferde beobachten können. Ich arbeitete damals im Theodor-Roosevelt-Nationalpark in North Dakota (USA) und war allein im Park unterwegs. Mein Blick wanderte über die weite Landschaft mit den so einzigartigen, farbigen Hügeln und da entdeckte ich sie: eine kleine Gruppe von wild lebenden Mustangs, die mich natürlich schon längst im Blick gehabt hatten. Für mich war das damals ein magischer Moment. Wildpferde sehen zu dürfen, das war etwas ganz Besonderes und ich war mir sehr bewusst darüber, dass ich dort einen kleinen Blick in eine mir sonst verschlossene Welt werfen konnte.

Viele, viele Jahre später entdeckte ich die Arbeit von Marc Lubetzki, der es mir ermöglichte, die Welt von Wildpferden doch etwas näher erleben zu können (hier findet Ihr einen Artikel dazu). Von seinen berührenden Schilderungen habe ich sehr viel gelernt und manches davon hat meinen Blick und mein Verständnis für Pferde verändert. Marcs Beschreibungen des Verhaltens der verschiedenen Pferdegruppen, die er über viele Jahre immer wieder beobachten konnte, beantworteten viele meiner Fragen und bestätigten mich sehr darin, dass Pferde oft grundlegend falsch verstanden werden.

Marcs erstes Buch „Im Kreis der Herde“ war in vielerlei Hinsicht ein großartiger Augenöffner für mich, gerade weil der Mensch darin eigentlich kaum vorkommt (hier geht’s zur Buchbesprechung von diesem Titel). Natürlich war ich nun gespannt auf sein neues Buch „Im Gespräch mit wilden Pferden“. Der Titel ließ mich vermuten, dass dieses Mal der Mensch präsenter sein würde.

Pferde erst einmal nur als Pferde sehen

Im Gegensatz zu „Im Kreis der Herde“ geht es in dem Buch „Im Gespräch mit wilden Pferden“ tatsächlich nicht mehr schwerpunktmäßig um Beobachtungen der Wildpferde, sondern hier entwickelt Marc nun auf der Grundlage dessen, was er mit den im Buch dargestellten Koniks auf der Geltinger Bucht und anderen wild lebenden Pferden erlebt hat, Ansätze für die Kommunikation mit ihnen. Das hat verschiedene Auswirkungen.

Zum einen sensibilisiert dieses Buch auf eine zarte und einfühlsame Weise dafür, dass der normale Umgang mit Pferden in vielen Bereichen leider nicht ihrem natürlichen Verhalten und Miteinander entspricht und dass wir mit mehr Achtsamkeit Pferden auf eine wundervolle Art näher kommen können. Zum anderen aber geht durch diesen Ansatz auch ein bisschen etwas von dem verloren, was für mich so einzigartig an Marcs Arbeit war: nämlich die „Unschuld“ der zweckfernen Beobachtung. Gerade die puren Beobachtungen zeigten eindringlich und zauberhaft zugleich, was Pferdsein wirklich ausmacht, und da gibt es für uns alle noch so viel zu entdecken.

Letztlich sind wir damit genau in dem Dilemma, das sich ganz automatisch durch die Haltung und Nutzung von Pferden ergibt: Wir schränken Pferde in ihrem natürlichen Sein ein, können aber Wege finden, durch die ein Miteinander möglich wird, das für beide Seiten eine gute Erfahrung ist. Und dafür sind Bücher wichtig, die uns die Pferdeseite zeigen.

Wildpferde lehren uns, erst einmal nur zu beobachten

Wir Menschen neigen dazu, Dinge in unserem Sinne verändern zu wollen, vor allem die, die wir nicht wirklich verstehen. Den allermeisten von uns fällt es sehr schwer, auch mal etwas einfach sein zu lassen und erstmal nur wahrzunehmen. Genau das können wir durch Beobachtungen von wild lebenden Pferden wunderbar üben und lernen. Ich mag die feinen und achtsamen Gedanken, von denen auch in diesem Buch viele zu finden sind, lieber als die Interpretationen und Schlussfolgerungen. Und so habe ich mir beim Lesen doch manches Mal gewünscht, den Menschen einfach mal wieder ganz ausblenden zu können, weil seine Rolle ein bisschen zu präsent geworden ist.

Ob es Pferden wohl auch manchmal so geht? Und ob uns diese Frage vielleicht hin und wieder im Alltag mit unseren Pferden daran erinnern kann, nicht nur unsere Wünsche und Erwartungen wichtig zu nehmen, sondern eben auch die unserer Pferde?

Lesetipps: Im Kreis der Herde und Im Gespräch mit wilden Pferden – beide von Marc Lubetzki (Links führen direkt zum Kosmos-Verlag). Wer Marcs Arbeit noch nicht kennt, dem empfehle ich, mit „Im Kreis der Herde“ zu beginnen.

Foto von Martin Paasch

2 Kommentare

  1. Mir hat „im Kreis der Herde“ auch besser gefallen als „im Gespräch mit wilden Pferden“. Vielleicht hat mich im neuen Buch vor allem die Gebrauchsanweisung für den Umgang gestört. Naja, und als jemand, der sehr gerne mit Clickertraining arbeitet und seinen Pferden auch gerne Dinge beibringt, die es natürlicherweise nicht macht/braucht, habe ich Probleme mit Marc´s Auffassung zum Konditionieren. Mir hätten eigentlich die Gespräche zwischen den Pferden und eventuell die Kontaktaufnahme der Pferde zum Menschen (einfach als Beobachtung/Erzählung) gereicht bzw. besser gefallen. Hab´ich es bereut, das Buch gekauft zu haben? Definitiv nein. Schöne Fotos und die Beobachtungen/Beschreibungen, die doch einen bedeutenden Teil des Buchs ausgemacht haben, sind den Kauf für mich auf jeden Fall wert.

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