Einfach mal zufrieden sein

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

Statt immer mehr, mehr mehr zu wollen!

Von der amerikanischen Pferdetrainerin Elsa Sinclair stammt die These, dass wenn uns Menschen etwas gefällt, wir immer mehr davon wollen. Wir sind also nie wirklich zufrieden. Das sollten wir unbedingt in den Griff bekommen – unseren Pferden zuliebe.  

Ich habe mich bei dieser Aussage unangenehm ertappt gefühlt, denn ich denke, sie ist sehr wahr. Überlegen wir einmal: 

  • Wenn uns ein Pferd im Schritt trägt, wollen wir traben. Können wir traben, wollen wir galoppieren. Und dann vielleicht noch springen. 
  • Wenn wir mit einem Pferd im Gelände spazieren gehen, wollen wir Schrittausritte machen. Wenn es im Schritt gut geht, wollen wir schneller unterwegs sein. Wenn kurze Strecken gehen, wollen wir längere. 
  • Wenn unser Pferd das Kompliment kann, soll es lernen, sich  hinzulegen. Wenn es liegt, wollen wir uns auf es setzen können. 
  • Wenn unser Pferd erste Piaffe-Tritte zeigt, wollen wir richtige Piaffen sehen. Wenn es diese zeigt, soll es länger oder schöner piaffieren. 
  • Und so weiter und so fort. 

Klar, ganz normal, oder? 

Für uns Menschen schon, für Pferde aber nicht.

Mensch versus Pferd

Es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Pferd und der ist uns meist nicht bewusst: Viele von uns wollen immer irgendwie weiterkommen und von allem immer mehr haben, Pferde hingegen können sehr zufrieden sein mit dem, was ist, sofern es gut ist.

Aber, so werden nun viele einwenden, es gibt durchaus Pferde, die Freude am Dazulernen zeigen und die Ehrgeiz entwickeln. Ja, die gibt es. Der Grund liegt meist in den schönen Nebeneffekten, die ein solches Pferd erlebt, wie zum Beispiel die Freude und Anerkennung des Menschen, das gute Körpergefühl, das Bewegung in ihm auslöst und Ähnliches. 

Aber, und dieses Aber ist sehr wichtig: So geht es nicht allen Pferden! Es gibt freudige und schnelle Lerner, aber es gibt auch sehr langsame … und alles dazwischen. Es gibt Pferde, die leicht zu begeistern sind und solche, die vor allem erstmal skeptisch sind … und alles dazwischen. Es gibt Pferde, die Abwechslung lieben und solche, die sie hassen … und alles dazwischen. Es gibt fitte und gesunde Pferde und solche, die schwer krank sind … und alles dazwischen. 

Nur steil bergauf ist gut?

Erfolgsstreben gilt als eine positive Eigenschaft. Dabei übersehen wir aber, dass wir, wenn wir immer nur bergauf wollen, zum einen dafür sehr viel Kraft brauchen und zum anderen oft auch gegen die Wirklichkeit ankämpfen. Lernkurven gehen zum Beispiel nie geradlinig bergauf, sondern es gibt immer auch Plateaus und ganz oft geht es auch wieder runter. Das ist wie im Gebirge, da können wir zwar energievoll einen Gipfel erklimmen, aber um auf den nächsten Berg zu kommen, müssen wir erstmal wieder runter.

Auch mal verweilen und zufrieden sein

Meiner Erfahrung nach kann es selbst für motivierte und arbeitsfreudige Pferde ausgesprochen frustrierend sein, wenn wir von ihnen immer mehr, mehr und mehr wollen. Statt nach jeder Leistung gleich die nächste zu fordern, sollten wir deshalb viel öfter auch mal verweilen, das Erreichte würdigen und uns daran freuen.

Das tut nicht nur den Pferden gut, sondern auch uns selbst! 

Statt mehr Leistung sollten wir auf mehr Verständnis zielen

Statt stetig unsere Anforderungen und Erwartungen an ein Pferd zu erhöhen, könnten wir uns zum Ziel setzen, das Tier immer besser zu verstehen:

  • Wie tickt dieses Pferd?
  • Was motiviert es?
  • Woran hat es Freude?
  • In welcher Situation kann es sich gut entspannen?
  • Was macht ihm die Mitarbeit schwer?
  • Wann fühlt es sich im Zusammensein mit mir am wohlsten?
  • Und was schenkt es mir, wenn ich mal nichts von ihm fordere?

Und vor allem sollten wir viel öfter mal einfach zufrieden sein – dem Pferd, aber auch uns selbst zuliebe 😉

Lesetipps:

Zufrieden sein – Wege zum Pferd
Foto von Horst Streitferdt

6 Kommentare

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Bin (auch) gerade dabei, mich vom (Selbst-)Optimierungs“wahn“ abzugrenzen. Mache meine Sachen langsamer, achtsamer, – verbringe bewusst „ziel- lose“ Zeit. Und dein Beitrag trägt dazu bei dies zu erlauben. Danke!

    Antworten
  2. Oooh wie wahr!
    Vor allem wenn dir der Körper seine Grenzen deutlich vor Augen hält: seien es die eigenen oder die des Pferdes.
    Es ist nicht einfach, das zu akzeptieren.
    Alle sagen dir: wenn du sagst
    “ ich kann nicht mehr“ wirst du ja niemals
    mehr können. Das ist falsch, damit blockiert du dich selbst usw usw usw.
    Aber wenn du dann auf der Nase liegst, hilft dir kein einziger von diesen Besserwissern!!!
    Also,
    Doch mal einen Gang oder mehr zurück schalten.
    Aus reinen selbsterhaltungsgründen
    🙂

    Antworten
  3. Dieses immer mehr wollen sobald man eine Sache erreicht hat, habe ich vor kurzem auch wieder sehr stark erlebt, Mein eigenes Pferd ist schon lange nicht mehr reitbar (oder longierbar, etc), daher vermisse ich diese Tätigkeiten mittlerweile. Glücklicherweise hat sich gerade eine Reitmöglichkeit für mich ergeben für einmal pro Woche. Kaum war ich das erste Mal geritten, wollte ich am liebsten direkt auf 3x die Woche erhöhen, parallel dazu Gymnastik machen, damit ich auch gut sitze auf dem Pferd und eigentlich wollte ich nicht nur reiten, sondern auch noch Bodenarbeit machen. Zum Glück fällt mir sowas schnell auf, das Loslassen dieser Erwartungen ist zwar trotzdem nicht ganz einfach, aber am Ende kann ich jetzt doch zufrieden damit sein, erstmal nur 1x pro Woche zu reiten und zu schauen, dass ich das gut in meinen Alltag integriert bekomme. Vielleicht ersetz ich dann mal eine Reiteinehit durch eine Bodenarbeitseinheit, mach mal 5min Gymnastik vor dem Reiten und taste mich Stück für Stück ran. Aber erstmal bin ich zufrieden überhaupt wieder reiten zu können 🙂

    Deine Fragen zum Thema Verständnis werde ich dabei auf jeden Fall im Hinterkopf behalten! Finde den Ansatz sehr schön.

    Antworten
    • Hallo Svenja,
      ganz toll, Deine Gedanken und Selbstreflexionen! Genau das ist die Achtsamkeit, die wir brauchen, denn vieles passiert ganz unbewusst.
      Genieße Deinen Reittag und liebe Grüße,
      Tania

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte Dich auch interessieren:

Pferde sind keine Sachen

Pferde sind keine Sachen

... deshalb brauchen sie unser Mitgefühl Ein Auto kaufen wir uns mit der Absicht, es zu fahren. Fährt es nicht, können wir reklamieren, es umtauschen oder...

Höre Deinem Pferd zu

Höre Deinem Pferd zu

Inspiration des Monats Wenn wir reiten lernen, dann zeigt man uns vor allem, Signale zu geben. Wir lernen, welche Hilfen wir geben sollen und wie wir uns...

Füttern aus der Hand ohne Stress

Füttern aus der Hand ohne Stress

Positive Verstärkung in der Praxis Das Füttern aus der Hand ist für die Arbeit mit der positiven Verstärkung im Training und Umgang in den meisten Fällen der...

Pferde besser verstehen

Pferde besser verstehen

... und was es bewirkt Was bewirkt es, wenn wir Pferde besser verstehen? Für die Arbeit an meinem Kurs "Versteh Dein Pferd" habe ich mich intensiv mit dieser...