Longieren mit positiver Verstärkung

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs, hat diverse Bücher veröffentlicht. Ihr Ziel für "Wege zum Pferd" ist, dass Pferde besser verstanden werden.

Die Bewegungstypen

Weiter geht’s mit dieser kleinen Serie, die sich damit befasst, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt (das Grundwissen über das Clickertraining vermittelt unser Clickerkurs). Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen und im zweiten Teil um das Führen in Stellung rein mit positiver Verstärkung erarbeiten lässt. Und in der letzten Folge war die Laufmanier das Thema.

Um an der Laufmanier arbeiten zu können, brauchen wir ein Pferd, das sich bewegt und um dieses Thema geht es in den nächsten beiden Folgen. Hier im ersten Teil schauen wir mal, was Bewegung eigentlich bei unterschiedlichen Pferdetypen bedeutet und welche Konsequenzen das wiederum für das Training hat. Im zweiten Teil geht es dann um die Frage, wie wir Bewegung mit positiver Verstärkung erreichen können. 

Bewegung ist nicht gleich Bewegung!

Was das Thema „Bewegung“ angeht, gibt es unter Pferden im Wesentlichen diese drei Typen (in unterschiedlicher Ausprägung): 

  • Pferde, die sich gerne und mit einer guten Grundenergie bewegen.
  • Pferde, die zu viel Bewegungsdrang mitbringen, die also zu schnell und hektisch sind.
  • Pferde, die sich von sich aus wenig bewegen und die im Training kaum oder gar nicht vorwärtsgehen.

Ohne Verständnis kein Zugang

Es ist für mich für jede Art von Training unerlässlich, zunächst achtsam zu schauen, mit welchem Bewegungsverhalten ich es gerade zu tun habe und bei Problemen die möglichen Gründe dafür herauszufinden. Nur so kann ich individuell auf das jeweilige Pferd eingehen und ihm gerecht werden. Weder die herkömmlichen Ansätze, die leider zum Teil mit Druck und „Durchsetzen“ arbeiten (sowohl beim Ausbremsen von zu viel Tempo als auch beim Antreiben der vermeintlich „faulen“ Exemplare), noch ein so pferdefreundliches Prinzip wie die positive Verstärkung können zu einer guten und gesunden Bewegung führen, wenn es tiefere Probleme gibt. Da muss man erstmal an der Wurzel ansetzen.

Der Idealfall: freiwillige und freie Bewegungen

Am einfachsten für jede Art von Training sind natürlich solche Pferde, die von Natur aus gerne laufen. Sie sind aktiv dabei, aber nicht überdreht. Sie sind leicht dazu zu motivieren, loszutraben oder anzugaloppieren, sie lassen sich gerne auf Laufspiele ein und haben einfach Freude an der Bewegung und präsentieren sich oft auch gern. Ihre Bewegungen sind meist spielerisch und leicht und/oder kraft- und energievoll.

Bei solchen Pferden muss man eigentlich nur aufpassen,

  • dass man ihre Bewegungslust erhält und sie weder durch ein ungutes Training oder unangebrachte Hilfsmittel (wie z.B. Hilfszügel) frustriert
  • und/oder dass man sie, weil sie so vieles anbieten, überfordert.

Bei solchen Pferden können wir mittels positiver Verstärkung sehr schnell damit beginnen, ihnen zu vermitteln, wie sie die Kreislinie noch besser bewältigen können (darum geht es dann im nächsten Teil der Serie). 

Problemfall „Ständig unter Strom“

Pferde, die so unter Strom stehen oder so viel Angst haben, dass sie aus einem inneren Stress heraus losstürmen, sowie sie die Möglichkeit haben, erleben leider oft, dass sie mit verschiedenen Mitteln gebremst werden, wie z.B. durch eine harte Hand, scharfe Zäumungen, Hilfszügel und Ähnliches. Diese Pferde sind meist hochgradig spannig. Ihre Bewegungen sind oft schnell, aber nicht frei.

Mit dieser Art der Bewegung, die eher ein innerer Zwang ist als eine bewusste Bewegung, kann man kaum sinnvoll arbeiten, denn der hohe Stresspegel verhindert jede Aufnahmefähigkeit oder Konzentration. Selbst ein so pferdefreundliches Prinzip, wie das der positiven Verstärkung, kann hier an seine Grenzen kommen, so dass zunächst geschaut werden muss, was die tatsächlichen Ursachen sind, wie zum Beispiel:

  • Angst und Stress durch frühere Erlebnisse,
  • ein zu hartes Training, das auf Druck und Gewalt basiert, 
  • eine nicht pferdegerechte Haltung, in der das Pferd zu wenig Bewegungsmöglichkeiten hat oder unter Dauerstress steht, 
  • eine falsche Ernährung,
  • Erkrankungen,
  • Schmerzen,
  • hormonelle Probleme
  • und anderes mehr. 

Ein aus Angst oder Stress rennendes Pferd kann in keine gute Laufmanier finden. Deshalb ist es wichtig, auf so vielen Ebenen wie möglich dafür zu sorgen, dass das Pferd wieder mehr in eine innere Balance und Entspannung finden kann. Es braucht hier oft viel Einfühlungsvermögen von uns Menschen, damit diese Pferde nicht sofort wieder in Stress geraten, sondern wieder ein gutes Bewegungsverhalten entwickeln können.

Problemfall: „Nicht vorwärtszubekommen“

Herkömmlicherweise werden Pferde, die nicht von sich aus laufen, als „stur“ oder „faul“ bezeichnet und in der Folge durch mehr oder weniger Druck zum Schnellerlaufen gebracht. Fehlt der fordernde Mensch, sind sie lieber langsam unterwegs oder bleiben im Training auch komplett stehen. Die Bewegungen dieser  Pferde wirken meist etwas steif, ungelenk, gehalten und schwer.

Nicht nur im Rahmen der positiven Verstärkung, in der wir ja nicht mit Druck treiben wollen, sondern ganz grundsätzlich sollte auch bei einem Pferd, das sich nicht bewegen mag, immer erst einmal gefragt werden, was dafür die Ursachen sind. Denn auch diese können vielfältig sein:  

  • eine unzureichende oder unpassende Ernährung und ihre Folgen; also zu viel oder zu wenig Futter, falsche oder fehlende Nährstoffe und Mineralien usw.,
  • körperliche Beschwerden, wie Schmerzen, Atemprobleme oder andere Erkrankungen (hier immer bedenken, dass viele Pferde Schmerzen oder Beschwerden nicht deutlich zeigen, deshalb bitte nie einfach nur von „Sturheit“ ausgehen…)
  • psychische Themen, wie schlechte Erfahrungen, Frust durch eine unpassende Haltung, Über- oder Unterforderung, Trauer usw.,
  • ein für dieses Pferd unpassendes Training, also beispielsweise mit Hilfen, die das Pferd nicht versteht oder in einer Grundstimmung, die es demotiviert, ihm Stress macht oder die sogar Angst vor Strafen auslöst
  • und anderes mehr.

Das Bedürfnis, gerade solche Pferde, die sich von sich aus ungern bewegen, notfalls auch mit Druck vorwärtszutreiben, ist meist groß, denn nicht selten sind solche Pferde auch tendenziell übergewichtig. Grundsätzlich würde ihnen Bewegung auf allen Ebenen gut tun, aber wir sollten nie vergessen: Druck erzeugt Frust und je mehr Druck wir nutzen, desto mehr Frust lösen wir aus. Wir können so zwar vielleicht Bewegung erzwingen, aber keine Freude. Ohne zumindest eine Bereitschaft zur Bewegung kann ein Training keinen dauerhaft positiven Effekt haben, denn Pferde, die nur mit Gewalt vorangetrieben werden, sind immer verspannte Pferde. 

Fazit

Auch wenn die positive Verstärkung ganz viel Gutes in Hinblick auf Entspannung, Freude und Motivation bewirken kann, kommen wir bei Problemen in Bezug auf das Bewegungsverhalten nicht darum herum, nach den Ursachen zu suchen und diese, soweit wie möglich, zu beheben. Das Training ist immer nur ein Teil im Leben eines Pferdes und noch dazu der zeitlich kleinste. Wenn die Lebensumstände nicht passen oder das Pferd unter etwas leidet, nützt auch der beste Trainingsansatz nicht. Hierzu kann es auch nötig sein, Hilfe bei entsprechenden Experten zu suchen, also bei Tierärzten, Physiotherapeuten, Ernährungsexperten und/oder ggf. auch über einen Stallwechsel nachzudenken. 

Weiter in der Serie.

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