Stress beim Pferd

Geschrieben von Tania Konnerth

Tania ist Autorin und Pferdecoach. Sie schreibt seit vielen Jahren für Blogs und Zeitschriften, hat diverse Bücher veröffentlicht, gibt Webinare und coacht Pferd-Mensch-Paare. Sie wünscht sich vor allem, dass Pferde besser verstanden werden.

Was Du darüber wissen solltest

Pferde können, genau wie wir auch, verschiedene Formen von Stress empfinden und darunter leiden. Aus meiner Sicht ist es für jeden Pferdemenschen unerlässlich, Stress beim Pferd zu erkennen und richtig einordnen zu können, um angemessen und pferdefreundlich reagieren zu können. Erfahre in diesem Blogbeitrag mehr zu diesem wichtigen Thema.

Tipp: Ich biete regelmäßig das Webinar zum Thema „Beschwichtigung und Stress“ an, in dem wir dieses hoch interessante und wichtige Thema gemeinsam vertiefen – sei mit dabei!

Was genau ist Stress?

Stress ist eine körperliche und psychische Reaktion auf außergewöhnliche Situationen. Sie dient grundsätzlich dazu, ein Lebewesen dazu zu befähigen mit Ausnahmesituationen besser klarzukommen. Bei einem Fluchttier wie einem Pferd sorgt die Stressreaktion im Körper zum Beispiel für eine schnelle Fluchtbereitschaft, die im Notfall das Überleben sichert. Und gerade weil Pferde Fluchttiere sind, sind sie von Natur aus bestens in der Lage, mit kurzen Stressmomenten umzugehen. Sie regen sich bei einer potentiellen Gefahr schnell auf (und fliehen bei Bedarf), aber können auch genauso schnell wieder runterfahren, wenn es keine Gefahr gibt. Hier sind oft WIR aufgerufen, aus einer kleinen Sache kein großes Drama zu machen. Ein gewisser Stress gehört einfach auch zum Leben dazu.

Womit Pferde allerdings nicht gut umgehen können, ist Dauerstress, an dem das Pferd selbst nichts ändern kann. Dieser kann zu Verhaltensstörungen, Krankheiten und gefährlichem Verhalten führen. Das gilt vor allem, wenn er nicht erkannt wird, sondern als „Ungehorsam“ bestraft wird. Solche Reaktionen erhöhen den Stress. Deshalb gilt für mich:

Stress beim eigenen Pferd
zuverlässig zu erkennen
und in einer für das Pferd hilfreichen
Weise zu reagieren, ist eine Voraussetzung
für einen pferdefreundlichen Umgang.

Was löst Stress beim Pferd aus?

Auslöser für Stress beim Pferd können sehr vielfältig sein. Bekannt sind vor allem diese:

  • Alle möglichen Situationen, Gegenstände, Personen oder Ereignisse können zu einer Stressreaktion führen, wenn sie das Pferd als potentiell gefährlich einschätzt. Dazu gehören zum Beispiel unbekannte Gegenstände, laute Geräusche, fremde Gerüche und dergleichen mehr.
  • Sehr häufig erzeugen auch wir Menschen Stress, oft ungewollt, manchmal aber auch gezielt, wie zum Beispiel durch einen groben Umgang, durch zu hohe Erwartungen, durch Druck und Schmerzauslöser im Umgang und Training und dergleichen mehr.
  • Stress kann auch durch ein Zuviel an Einzelreizen ausgelöst werden, bei denen jeder einzelne an sich kein Problem darstellt, aber die Kombination das Pferd überfordert. Das ist zum Beispiel zu sehen, wenn beim Anti-Scheu-Training zu viele Sachen aufgebaut werden, zu viel auf dem Reitplatz oder der Halle los ist oder zu viele verschiedene Anforderungen auf einmal an das Pferd gestellt werden.
  • Pferde können weiterhin Stress empfinden, wenn wichtige Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden. Pferde, die ihren natürlichen Bewegungstrieb nicht angemessen ausleben können, empfinden genauso Stress, wie Pferde, die keinen Kontakt zu Artgenossen haben oder zu wenig zu fressen bekommen, nicht ausreichend schlafen können, um nur einige Beispiele zu nennen.
  • Und auch körperliche Faktoren können eine Rolle spielen (Erkrankungen, Schmerzen, Hormone).

Weniger bekannte Stressfaktoren

Weitere, weniger bekannte Beispiele für Stressauslöser sind diese:

  • Vernachlässigung, Langeweile und fehlende Aktivitätsanreize oder -gelegenheiten können ebenfalls Stress auslösen.
  • Unser eigener Stress kann Pferden Stress machen, genauso wie andere Stimmungen, die wir am Pferd auslassen, ohne es zu merken.
  • Auch Positives kann Stress auslösen. So kann ein Pferd bestimmte Sachen so toll finden, dass es übermotiviert und gestresst ist (manchmal eine Begleiterscheinung der positiven Verstärkung).

Und ein tatsächlich bisher fast unbeachteter Aspekt für Stress beim Pferd ist Verunsicherung. Um sich halbwegs sicher zu fühlen, müssen Pferde Situationen einschätzen können – und dazu gehören auch wir Menschen. Da wir aber leider oft wankelmütig und unklar sind und die Signale (wie zum Beispiel Beschwichtigungssignale) von Pferden missverstehen, ignorieren oder bestrafen, reagieren wir für Pferde häufig nicht einschätzbar. Zum Teil geschieht das unbewusst, zum Teil wird aber auch gezielt damit gearbeitet, um Macht über Pferde zu gewinnen. Dauerstress dieser Art setzt Pferden sehr zu, denn ein gewisses Maß an Sicherheit ist ein fundamentales Grundbedürfnis. Deshalb ist es so wichtig, Pferde besser zu verstehen.

Wie zeigt Dein Pferd Stress?

Stress kann bei Pferden sehr unterschiedlich aussehen. So gibt es grundsätzlich die folgenden beiden sogenannten Stresstypen bei Pferden und alle Abstufungen dazwischen:

  • Einmal spricht man von „aktiven“ oder „extrovertierten“ Stresstypen: Das sind Pferde, denen man ihren Stress deutlich anmerkt. Sie zeigen eine deutliche Stressmimik, tragen den Kopf hoch, schnauben und schnorcheln, schlagen mit dem Kopf, tänzeln herum und scheuen oft. Im Training sind das oft Pferde, die übereifrig sind und die wie ständig „unter Strom“ wirken. Ihr Verhalten erkennen die meisten Menschen sofort als „Stress“ (schon weniger oft als Angst). Leider erleben diese Pferde trotzdem immer noch zu wenig Verständnis, sondern Maßregelungen, Strafen und den Einsatz von Schmerz auslösenden Werkzeugen, mit denen sie „erzogen“ werden sollen. Auch wenn wir damit vielleicht das Verhalten etwas mehr kontrollieren können, lösen wir ihr Problem nicht, sondern erhöhen natürlich den Stress.
Typisch aktiver Stresstyp: Die Emotionen des Pferdes sind deutlich sichtbar.
  • Zum anderen gibt es die „passiven“ oder „introvertierten“ Stresstypen – Diese Pferde zeigen ihren Stress so gut wie nicht. Selbst wenn man weiß, dass das eigene Pferd ein passiver Stresstyp ist, braucht es einiges an Übung, seinen Stress zuverlässig zu erkennen. Sie werden oft als „ruhig und gelassen“ bezeichnet, aber in ihnen kann es bereits brodeln. Werden diese Pferde, weil sie vermeintlich „stur“ oder „unwillig“ sind, auch noch mit Druck oder Gewalt angetrieben, können sie regelrecht explodieren – ein Verhalten, das für viele dann „wie aus heiterem Himmel zu kommen scheint.
Passive Stresstypen bleiben oft regungslos stehen, auch wenn sie Angst haben.
Für einen passiven Stresstypen zeigt Anthony hier mit seinen Ohren schon viel!

So gehst Du am besten mit Stress beim Pferd um

Grundsätzlich geht es nicht darum, dass wir unser Pferd um jeden Preis vor Stress bewahren müssen. Aber ein Pferd, das Stress erlebt, braucht vor allem eines: unser Verständnis. Dafür müssen wir zunächst überhaupt wahrnehmen, dass unser Pferd Stress erlebt (und das eben auch bei den Pferden, denen man es kaum anmerkt), um im zweiten Schritt angemessen und pferdefreundlich damit umzugehen. Ein Pferd für seinen Stress auch noch zu bestrafen (ob nun aus Angst, Strenge oder Ungeduld), ist in jedem Fall falsch.

Bei Dauerstress ist entscheidend, dass wir die Ursachen finden und diese so gut wie möglich beheben, damit das Pferd wieder mehr Ruhe und Balance finden kann. Hier spielen vor allem die Haltung, aber auch der Umgang mit dem Pferd die Hauptrollen. Deshalb müssen wir uns immer wieder fragen, ob wir selbst durch unser Verhalten, durch die Art, wie wir mit unserem umgehen, wie wir (oder andere) es trainieren oder durch andere Entscheidungen, die wir treffen, ein Stressfaktor sind. Natürlich ist es nicht angenehm, sich selbst als Stressfaktor zu erkennen, aber das Gute daran ist: Wir können genau da ganz vieles ändern!

Lesetipps: Versteh Dein Pferd + Der Anti-Angst-Kurs

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